Ein Hauch von Orient über der Festung Germersheims

Eduard-Orth-Ganztagsschüler ebnen Dschinn und fliegendem Kamel den Weg

 

Wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag – so ließ sich in etwa die Stimmungslage vieler junger Leseratten beschreiben, die sich erwartungsfroh am vergangenen Sonntag in die Germersheimer Festungsanlage begaben. Denn dort wurden ihnen Ohren-, Augen- und Gaumenschmäuse vom Feinsten geboten. Und diese waren keineswegs alltäglich, aber der Germersheimer Bevölkerungsstruktur entsprechend  nicht fremd. Zu hören gab es zwar nicht die Märchen aus 1001 Nacht - erzählt von Scheherazade -, sondern der zumindest in der westlichen Welt nicht weniger bekannte Autor Paul Maar gab einige seiner noch unveröffentlichten Nasreddin Hodscha Geschichten zum Besten. Seine Berliner Kollegin Ute Krause stellte ihr gelungenes Buch „Osman – Der Dschinn in der Klemme“ vor. Da beide im Rahmen des Kultursommers bei einer Incontri-Matinee auftraten, war nahe liegend, dass Musik nicht fehlen durfte. Und die entsprechenden Töne zu den Texten lieferten bravourös die „Vier Stimmen“, je eine musikalische Stimme aus Palästina, Griechenland, Deutschland und der Türkei. Mit der arabischen Laute, dem Oud, Saxophon, Klarinette Perkussion und Stimme verzauberten die Musiker ihre Zuhörer und versetzten sie in die mythische Welt des Orients. Dass es auch kulinarische Köstlichkeiten aus diesem Kulturkreis zu versuchen gab, versteht sich von selbst. In einem Workshop zeigte die Autorin und Illustratorin Ute Krause, die u. a. in der Türkei und Indien aufgewachsen ist, am Beispiel von Figuren ihres neuen Buches vom Flaschengeist Osman anschaulich, wie sich unterschiedliche Stimmungslagen anhand von Gesichtsausdrücken zeichnerisch darstellen lassen. Aktiv beteiligt hatten sich zwei Wochen lang nachmittags Schülerinnen und Schüler aus der Ganztagsschule der Eduard-Orth-Grundschule, um diesem besonderen Familienfest – es waren erfreulicherweise viele Muttis und Vatis erschienen, denen Paul Maars „Sams“ vom Vorlesen lieb vertraut geworden ist - einen würdigen äußeren Rahmen zu verleihen. Alle Ganztagskinder des 3. und 4. Schülerjahrgangs sowie einige Erstklässer verbrachten ihre Nachmittage in der „Fronte Beckers“, um P. Maars Fabelwesen, das Sams, in vielen Variationen kreativ und überlebensgroß zu gestalten. Bevorzugtes Motiv dabei war das Sams im zu engen Taucheranzug. Im Gesicht durften natürlich die blauen „Sommersprossen“, die Wunschpunkte, nicht fehlen und diese stellten die Schüler entweder zeichnerisch oder plastisch mit Materialien wie Styroporkügelchen dar. Daneben waren die Ganztagsschüler, die dort in 6 Gruppen vom kundigen Personal der Germersheimer Musikschule – mit der die Schule in Kooperation steht - angeleitet wurden, mit dem Herstellen unzähliger Kamele von unterschiedlichster Körpergröße beschäftigt. Auch diese wurden liebevoll mit verschiedenen Accessoirs geschmückt. Prachtvoll gestaltete Decken zierten diese „Wüstenschiffe“. Natürlich durfte „Das fliegende Kamel“ – denn so lautet der Titel des neuen Buches von P. Maar – nicht fehlen. An leuchtend blauen

Luftballonen befestigt, schwebte es über dem gepflegten Grün im Festungshof. Die gebastelten Kamele wie auch „Samse“ bildeten, an jeweils einer Festungsmauer des Reduits angebracht, die passende Kulisse für die Wort- und Tonkünstler. Wenn von Kamelen die Rede ist, liegt nahe, an eine Karawane zu denken. Und eine solche durfte bei diesem Ereignis natürlich nicht fehlen. Für die Schüler war es ein besonderes Erlebnis, bei dieser musikalischen Karawane mitwirken zu dürfen. An den Vorbereitungsnachmittagen wurde nicht nur gemalt und gebastelt, die Kinder wurden auch mit leuchtend farbigen Perkussions-Plastikklangröhren vertraut gemacht. Beim „Kameleinzug“ bildeten sie mit diesen „Boomwhackers“ den musikalischen Hintergrund zu den östlichen Tönen der „Vier Stimmen“. Unterstützend wirkte dabei auch die „ Rhythmus- AG“ der Eduard-Orth-Schule mit. So trugen Kinder der Schule ihren Teil zur gelungenen Atmosphäre dieser Veranstaltung bei und konnten zudem viele neue Erfahrungen auf musischem Gebiet gewinnen. Dieses bemerkenswerte Projekt konnte aus Mitteln eines Budgets, das Rheinland-Pfalz Ganztagsschulen zur Verfügung stellt, finanziert werden. Belohnt wurden die teilnehmenden Kinder durch die ansprechenden Lesungen von Paul Maar und Ute Krause. Für die Präsentation ihres spannenden und humorvollen Kinderromans von Anton, einem Jungen, der mit seiner Familie gerade nach Wien gezogen ist, und dem orientalischen Dschinn Osman, den er aus einer uralten Flasche befreit hat und der ihm deshalb drei Wünsche erfüllen muss, hätte sich die Autorin und Illustratorin kaum ein besseres Ambiente wünschen können. Denn Anton und seine Schwester begeben sich wegen eines unbedachten Wunsches auf eine Zeitreise und finden sich ungewollt im Jahr 1683 vor der Festung Wien wieder - im Heerlager der osmanischen Türken. Großwesir Kara Mustafa Pascha, der in diesem Buch eine Rolle spielt, konnte damals den „Goldenen Apfel“ – wie Wien poetisch von den Türken bezeichnet wurde – nicht erobern; die Festung Germersheim, in der Frau Krause mitreißend vorlas, musste einer Belagerung glücklicherweise nie standhalten. Die sehr spannende und zugleich lehrreiche Erzählung geht gut aus und die Geschwister kehren wieder wohlbehalten in die heutige Zeit zurück. Ein Glücksfall für das Publikum war, dass der über 70-jährige sehr vital wirkende Paul Maar Germersheim die Ehre gab und ein Spektrum seines Schaffens darbot, denn der weltbekannte Kinder- und Jugendautor liest nur noch an wenigen Orten. Der Grund für seine Teilnahme liegt darin begründet, dass Germersheimer Übersetzer viele seiner Werke ins Arabische übertragen. Da er ebenfalls als Illustrator tätig ist, stellte er sich mit einem Bilderrätsel vor. Dabei durften die Kinder mitreimen. Lustige Gedichte aus dem Kindergedichtband „Jaguar und Neinguar“ gab er zum Besten – mit passenden Klängen lautmalerisch von den Musikern unterstützt - , bevor es wieder orientalisch wurde. Paul Maar las Anekdoten aus dem im September erscheinenden „Fliegenden Kamel“ vor. Dabei handelt es sich um kurze humoristische Geschichten über den türkischen Eulenspiegel Nasreddin Hodscha. Diese historische Figur aus dem 13. Jahrhundert ist auch heute noch in der Türkei so beliebt, dass dort regelmäßig Nasreddin- Hodscha-Festivals abgehalten und Geschichten über ihn inszeniert werden. Er hält seinem Publikum mit teils derber Volksschläue, andererseits schon fast philosophischen Weisheiten den Spiegel vor. In Anbetracht dieser Humoresken fehlte als Kulissenfigur an der Festungsmauer noch der Esel, der in vielen seiner Geschichte wie auch in seinem Leben eine tragende Rolle spielte. Im Gegensatz zu dem fehlenden Esel war das „Sams“ omnipräsent, ob als „Sams-Eis“, „Sams-Bratwurst“ oder eben als Kulissenfigur. Und so war klar, dass Paul Maar nicht gehen konnte, ohne aus seinem inzwischen sechsten Samsbuch gelesen zu haben. Für diejenigen seiner Zuhörer, die mit dieser Fabelfigur nichts anfangen konnten – falls solche überhaupt anwesend waren – erklärte er, was es mit diesem kindähnlichen Wesen mit Schweinerüssel, rötlichen Borstenhaaren, Froschfüßen und einem prallrunden Trommelbauch auf sich hat. Nicht zu vergessen sind natürlich die blauen Wunschpunkte, die es im Gesicht trägt. Einen solchen Wunschpunkt hätte der Samsschöpfer selbst gerne dafür geopfert, die Sonne, die an diesem Sonntag erbarmungslos über der Festung brannte und orientalische Hitzegrade lieferte, abzudunkeln. Doch so signierten er und Frau Krause nicht nur geduldig Bücher, sie ließen es sich nicht nehmen, diese noch mit kleinen Zeichnungen liebevoll zu versehen. So konnten an diesem ereignisreichen Tag alle zufrieden sein: die Buchliebhaber wie auch die Freunde anspruchsvoller und außergewöhnlicher Klänge. Ein Zauberer zog die jungen Zuschauer mit allerlei magischen Tricks in seinen Bann, Filmfreunde konnten sich noch über einen Samsfilm erfreuen. Dass anschließend die Fußballfans über einen deutschen WM-Sieg über England jubeln durften, der zum Abschluss dieses gelungenen Festes im Festungshufeisen gezeigt wurde, trug dazu bei, dass es für manch einen doch wie Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig war. Und die Ganztagsschüler der Eduard-Orth-Schule waren stolz, einen kleinen Teil zum Gelingen dieses schönen Tages beigetragen zu haben. Übrigens: Die „Samse“ und Kamele schmücken jetzt den Eingangsbereich des Schulgebäudes und weisen auf die

Schulbibliothek hin, in der ein großer Büchertisch mit Werken von P. Maar und U. Krause, teilweise sogar versehen mit Signaturen und Zeichnungen der Autoren, hungrigen Leseratten genug Futter für kurzweilige Ferientage bietet.

(M. Huber)